Privilegien
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Privilegien von Geburt an

Mütter beeinflussen Wachstum, Phänotyp und Erfolg der Nachkommen. Bei Säugetieren wird das physische, physiologische und soziale Umfeld von Nachkommen ganz oder vorwiegend durch die Mutter bestimmt – die Mütter ernähren die Nachkommen während der Trag- und Stillzeit, geben Hormone an sie weiter und helfen ihnen, ihr Immunsystem aufzubauen. Zudem kümmern sich die Mütter bei vielen Arten intensiv um den Nachwuchs, unterstützen ihn bei Begenungen mit Rivalen und Raubfeinden, und bringen ihm wichtige Verhaltensweisen bei. All dies hat oft großen Einfluss auf das Wachstum, Verhalten und Überleben der Jungtiere.

Bei Tüpfelhyänen und vielen anderen Tiergemeinschaften hat ein hoher sozialer Rang viele Vorteile. Tüpfelhyänen leben in matriarchalischen Gemeinschaften mit einer klaren, linearen Hierarchie. An der Spitze des Clans steht die Matrilinie des Alpha-Weibchens, danach folgen die Matrilinen der anderen Weibchen. Hochrangige Hyänenmütter sichern sich meist einen besonders großen Anteil an gerissener Beute, und sie besetzen die besten Ruheplätze und Höhlen am Gemeinschaftsbau. Sie sind dadurch besser genährt, versorgen ihren Nachwuchs mit mehr Milch und ziehen mehr Junge groß als Mütter mit niedrigem Rang.

Der soziale Rang der Mutter bestimmt Wachstum und Überleben der Nachkommen. Bei Tüpfelhyänen wachsen die Töchter hochrangiger Mütter schneller heran und überleben eher als die Sprösslinge weniger privilegierter Mütter.

Die Töchter hochrangiger Mütter werden mit dem ‚goldenen Löffel im Maul‘ geboren. Der Einfluss der Mutter wirkt sich auch langfristig stark auf den Nachwuchs aus. Bei Tüpfelhyänen erlangen die Töchter (und die Söhne) einen Rang gleich unterhalb demjenigen ihrer Mutter. Töchter von hochrangigen Müttern leben deshalb ein ähnlich privilegiertes, erfolgreiches und langes Leben wie ihre Mütter; sie pflanzen sich früher fort und ziehen mehr Junge groß als die Töchter niedrigrangiger Mütter.

Beeinflusst die soziale Stellung der Mutter auch den Erfolg der Söhne?

Ob die Söhne hochrangiger Mütter wie ihre Schwestern mit einem goldenen Löffel geboren werden war bislang weitgehend unklar. Dies liegt daran, dass bei den meisten Säugetieren die meisten jungen Männchen aus ihrer Geburtsgruppe ab- und in eine andere Gruppe einwandern. Diese Wanderslust der Männchen erschwert die Erhebung zuverläßiger Daten zu ihrem Überleben und dem Fortpflanzungserfolg ungemein.

Die langjährige, intensive Beobachtung aller acht Hyänen-Clans des Ngorongoro-Kraters eröffnete uns jedoch die Möglichkeit, diese wichtige Frage zu untersuchen. Bei Tüpfelhyänen schließen sich die meisten Männchen im Alter von ca. dreieinhalb Jahren einem anderen Clan an. Ihr Fortpflanzungserfolg im neuen Clan hängt stark von der Anzahl junger Weibchen im Clan ab — je mehr junge Weibchen ein Clan hat, wenn die Männchen ihre Karriere beginnen, desto mehr Junge zeugen sie später.

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Hochgeborenen Söhnen gelingt es am besten, sich dem jeweils vielversprechendsten Clan anzuschlieβen. Sie wandern bevorzugt in die Clans mit den meisten jungen Weibchen ein. Im Gegensatz dazu zeigen die Söhne niedrigrangiger Weibchen keine Präferenzen bei der Clanwahl. Hochgeborene Söhne zeugen deshalb ihren ersten Nachwuchs früher und haben in ihren ersten Jahren im neuen Clan deutlich mehr Nachkommen als ihre weniger privilegierten Rivalen. Die Söhne hochrangiger Mütter sind also nicht nur im Jugendalter privilegiert, sondern sind auch später erfolgreicher.


Weitere Informationen

Höner OP, Wachter B, Hofer H, Wilhelm K, Thierer D, Trillmich F, Burke T, East ML (2010) The fitness of dispersing spotted hyaena sons is influenced by maternal social status. Nature Communications 1: 60.

Christopher Schrader (2013) Im Reich der Alpha-Weibchen. Süddeutsche Zeitung 25. August.

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