Geschwisterkonkurrenz
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Warum Zwillinge streiten

Tüpfelhyänen werden, im Gegensatz zu den meisten anderen Raubtieren, mit offenen Augen und durchgebrochenen Zähnen geboren. Zwillinge kämpfen gleich nach der Geburt um Zugang zur Muttermilch. In den ersten Wochen ihres Lebens klären sie so, wer die dominante Junghyäne ist. Dabei kann es aggressiv zugehen, denn ein hoher Sozialstatus hat viele Vorteile und die Rangfolge unter Zwillingen ändert sich nach der ersten Phase nicht mehr.

In der Serengeti zanken sich Zwillinge besonders intensiv. In der Serengeti gibt es jedes Jahr während mehrerer Monate nur sehr wenig Beute in den Hyänenterritorien, weil die Hauptbeutetiere der Hyänen, Gnus, Zebras und Gazellen, weite, saisonale Wanderungen unternehmen. In dieser Zeit müssen die Hyänenmütter sehr große Strecken zurücklegen, um an Beute zu kommen. Wenn die Nahrung besonders knapp ist und die Junghyänen noch abhängig von Muttermilch sind, kann es zum Tod der unterlegenen Geschwisterhyäne kommen. Diese stirbt nicht an Verletzungen, sondern verhungert, weil ihm das dominante Geschwisterjunge den Zugang zu Zitzen und Muttermilch verweigert.

Der Ngorongoro-Krater ist ein ruhiger Hafen für Tüpfelhyänenjunge. Im Ngorongoro-Krater schwankt die Anzahl an Beutetieren in den Hyänenterritorien zwar auch, doch bleiben die meisten Beutetiere das ganze Jahr über im Krater. Die Krater-Hyänenmütter müssen deswegen nur selten weit wandern, um an Beute zu gelangen, und können ihre Jungen jeden Tag säugen. Krater-Zwillinge sind daher freundlicher zueinander und es gab noch keinen Fall von Hungertod aus Geschwisterkonkurrenz.

Wie kommt es zur Dominanz eines Geschwisterkindes?

Der erstgeborene Zwilling könnte bei Tüpfelhyänen einen Vorteil haben. Beobachtungen von Geburten bei Tüpfelhyänen, die in Gefangenschaft leben, zeigten, dass Zwillinge in einem zeitlichen Abstand von etwa einer Stunde auf die Welt kommen. Es ist wahrscheinlich, dass das Erstgeborene einen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Zweitgeborenen hat, insbesondere dann, wenn es Milch trinken konnte, bevor das Geschwister geboren wurde.

Junge Hyänen lernen, Verlierer (oder Gewinner) zu sein. Die Wettbewerbs-Asymmetrie bei der Geburt kann durch Trainingseffekte verstärkt werden. Dabei beeinflusst das Resultat einer Auseinandersetzung (gewinnen oder verlieren) und die damit verbundene Erfahrung  die Wahrscheinlichkeit, darauffolgende Auseinandersetzungen zu gewinnen. Unsere KollegInnen, die an Serengeti-Hyänen forschen, beobachteten tatsächlich, dass das unterwürfige Zwillingsgeschwister lernt, sich während der Stillperioden seinem dominanten Geschwister zu unterwerfen. Damit vermeidet es besonders agressives Verhalten des Dominanten. Mit zunehmendem Alter wird die Beziehung stabiler, der dominante Zwilling verhält sich weniger aggressiv und das unterwürfige Geschwister fügt sich in die Rolle des Unterlegenen ein.

Wächst jedoch das Risiko des Hungertodes, kommt es zu einem Aufbegehren des schwächeren Geschwisters; es leistet zunehmend Widerstand und unterwirft sich weniger oft als noch während den guten Zeiten. Dadurch kann es sich zumindest für eine Weile noch einmal vermehrt Zugang zu Milch erkämpfen.

Schwestern sind die stärkeren Wettbewerberinnen. Interessanterweise ist bei gemischtgeschlechtlichen Zwillingswürfen die Schwester öfter das dominante Geschwister als der Bruder. Diese und andere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass bei Tüpfelhyänen die Weibchen kompetitiver sind als die Männchen. Diese Asymmetrie könnte ein wesentliches Merkmal matriarchalischer Gesellschaften wie derjenigen der Tüfpelhyänen sein.


Weitere Informationen

Benhaiem S, Hofer H, Kramer-Schadt S, Brunner E, East ML, (2012) Sibling rivalry: training effects, emergence of dominance and incomplete control. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 279(1743): 3327-3735.

Wachter B, Höner OP, East ML, Golla W, Hofer H (2002) <a Low aggression levels and unbiased sex ratios in a prey-rich environment: no evidence of siblicide in Ngorongoro spotted hyenas (Crocuta crocuta). Behavioral Ecology and Sociobiology 52(4): 348-356.