Rang-Vererbung
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Sozialer Status wird erlernt

Soziales Ansehen ist nicht nur bei uns Menschen, sondern auch in vielen Tiergesellschaften sehr wichtig. Tiere mit hohem Sozialstatus haben bevorzugten Zugang zu Nahrung und anderen Ressourcen, überleben länger und zeugen mehr Nachkommen als niedrigrangige Tiere.

Bei gruppenlebenden Gemeinschaften wie den Tüpfelhyänen und vielen Primaten erreichen die Nachkommen meist einen sozialen Rang gleich unterhalb demjenigen der Mutter. Söhne und Töchter von hochrangigen Müttern haben deshalb ein ähnlich langes und privilegiertes Leben wie ihre Mütter.

Wie aber wird der Sozialstatus an die Nachkommen weitergegeben?

Auf diese Frage gab es drei mögliche Antworten:

  1. Gene: Mütter vererben ihren Nachkommen Gene, die ihre Jungen genauso konkurrenzfähig machen wie sie selbst.
  2. Hormone: Der mütterliche Sozialstatus bestimmt die Menge der mütterlichen Sexualhormone (wie z.B. Testosteron), denen die Föten während der Trächtigkeit ausgesetzt sind, und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Jungtiere.
  3. Sozialer Beistand: Die Mütter unterstützen ihre Nachkommen bei Auseinandersetzungen mit anderen Weibchen. Dabei ‚lernen‘ die Jungen, wen ihre Mutter – und damit auch sie selbst – dominieren kann.

Adoptionsfälle sind ideale natürliche Experimente zur Überprüfung dieser Hypothesen. Eine Studie an adoptierten Jungen im Ngorongoro-Krater und in der Serengeti zeigte, dass diese den sozialen Rang gleich unterhalb ihrer Adoptivmutter erreichen; oft ist dieser höher als derjenige ihrer leiblichen Mutter. Das Erbgut spielt folglich eine untergeordnete Rolle und auch Hormone, die bereits im Mutterleib auf den noch ungeborenen Nachwuchs wirken, sind für die Erlangung des Ranges innerhalb des Clans unwichtig.

Tüpfelhyänenmütter unterstützen ihre Nachkommen bei Begegnungen mit anderen Clanmitgliedern. Hyänen initiieren tatsächlich schon in sehr jungem Alter Interaktionen mit erwachsenen Gruppenmitgliedern. Sind diese sozial niedriger gestellt als ihre Mutter, unterstützt die Mutter ihre Jungen und zeigt dominantes Verhalten. Nähern sich Jungtiere einem höherrangigen Gruppenmitglied, greift die Mutter nicht ein oder zeigt unterwürfiges Verhalten. So lernen die kleinen Hyänen durch Beobachtung rasch, wer in der Gruppenhierarchie unter ihrer Mutter und damit ihnen selbst steht und wer dominant ist. Dieser Mechanismus spielt auch bei Geschwistern unterschiedlicher Würfe.

Mütter unterstützen immer ihren jüngsten Wurf am stärksten. Folglich dominieren die jüngsten Nachkommen ihre älteren Geschwister von Beginn an. Den in der Jugend erlangten sozialen Rang verteidigen Hyänen auch, wenn sie erwachsen sind, indem sie sich mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern zu Koalitionen verbünden.


Weitere Informationen

Hofer H & East ML (2003) Behavioral processes and costs of co-existence in female spotted hyenas: a life history perspective. Evolutionary Ecology 17(4): 315-331.

East ML, Höner OP, Wachter B, Wilhelm K, Burke T, Hofer H (2009) Maternal effects on offspring social status in spotted hyenas. Behavioral Ecology 20: 478-483.

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