Abwanderndes Männchen
englishfrançais

Warum Männer abwandern

Bei Säugetieren ist die Abwanderung von zu Hause stark männerlastig: die meisten jungen Männchen verlassen kurz nach Erreichen der Geschlechtsreife ihre Geburtsgruppe oder das Gebiet, in dem sie aufwuchsen; im Gegensatz dazu bleiben die meisten Weibchen zu Hause.

Als Erklärung für den bei Männchen stärker ausgeprägten Wandertrieb wurden vier Hypothesen formuliert:

  1. Wettbewerb unter Männchen: junge Männchen werden von kräftigeren und erfahreneren Männchen vertrieben.
  2. Nahrungskonkurrenz: junge Männchen vermeiden Konkurrenz um Ressourcen.
  3. Inzucht-Vermeidung: Männchen vermeiden Inzucht mit nahverwandten Weibchen.
  4. Partnerwahl: Abwanderung der Männchen ist eine Folge der Partnerwahl der Weibchen.

Wir überprüften die vier Hypothesen anhand unserer Tüpfelhyänen-Daten und bestimmten die Auswirkungen des Verhaltens der Männchen auf ihren Fortpflanzungserfolg. Dabei zeigte sich, dass die Partnerwahl der Weibchen der entscheidende Auslöser für das Abwanderungsverhalten der Männchen ist.

Tüpfelhyänenweibchen sind sehr wählerisch bei der Partnerwahl. Jüngere Weibchen bevorzugen Männchen, die erst nach ihrer Geburt zum Clan gestoßen sind. Durch Anwendung dieser einfachen Regel vermeiden sie Paarungen mit ihrem Vater und ihren älteren Brüdern. Darüber hinaus wählen ältere Weibchen besonders gerne Männchen, die schon lange Mitglied im Clan sind, vorausgesetzt sie erfüllen die erste Grundregel.

Die Vorlieben der Weibchen bestimmen das Abwanderungsverhalten der Männchen. Für ein geschlechtsreifes Jungmännchen sind wegen der Vorlieben der Weibchen die Aussichten, paarungswillige Partnerinnen zu finden und Nachwuchs zu zeugen, im Clan mit den meisten jungen Weibchen am besten. Tatsächlich schließen sich junge Männchen am liebsten demjenigen Clan an, der gerade am meisten junge Weibchen hat.

Erfolgreiche Männchen passen sich den Vorlieben der Weibchen an. Die Taktik der Männchen, ihre Fortpflanzungskarriere dort zu beginnen, wo es am meisten junge Weibchen hat, ist sehr erfolgreich, denn dadurch erhalten sie langfristig Zugang zu vielen Weibchen und zeugen viel mehr Nachkommen als Männchen, die Clans mit wenigen jungen Weibchen wählen. Abwanderungsverhalten der Männchen, das an die Vorlieben der Weibchen angepasst ist, bietet also einen selektiven Vorteil.

Die Partnerwahl der Weibchen wirkt sich auch auf den generellen ‚Wandertrieb‘ der Männchen sowie den Aufbau und die Dynamik der Gesamtpopulation aus. Im Ngorongoro-Krater besteht die Tüpfelhyänen-Population aus acht Clans und die Anzahl junger Weibchen in den Clans verändert sich aufgrund von Zufallsereignissen und Umwelteinflüssen ständig. So werden z.B. in einem Clan manchmal über einen gewissen Zeitraum mehr Töchter als Söhne geboren – Tüpfelhyänenmütter können das Geschlecht ihrer Nachkommen nicht beeinflussen – oder ein Clan wird stärker von einem Krankheitsausbruch betroffen und zieht deswegen weniger Töchter groß als andere.

Ist die Anzahl junger Weibchen in den Clans vom Zufall bestimmt, hat bei einer Population von acht Clans der eigene Clan durchschnittlich mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Achtel die meisten jungen Weibchen. Im Ngorongoro-Krater hat also meistens nicht der eigene Clan, sondern einer der sieben anderen Clans am meisten junge Weibchen. Die Folge ist, dass insgesamt eine Mehrzahl (85%) der Männchen abwandert. Da die Männchen bevorzugt in den Clan mit den meisten jungen Weibchen einwandern wird das Geschlechterverhältnis ständig in allen Clans ausgeglichen. Diese Erkenntnisse zeigen sehr schön, welch weitreichende Konsequenzen einfache Partnerwahl-Regeln von Weibchen haben können.


Weitere Informationen

Davidian E, Courtiol A, Wachter B, Hofer H, Höner OP (2016) Why do some males choose to breed at home when most other males disperse? Science Advances 2 e1501236.

Höner OP, Wachter B, East ML, Streich WJ, Wilhelm K, Burke T, Hofer H (2007) Female mate-choice drives the evolution of male-biased dispersal in a social mammal. Nature 448: 798-801.

Höner OP, Wachter B, East ML, Streich WJ, Wilhelm K, Burke T, Hofer H (2008) Do female hyaenas choose mates based on tenure? Reply. Nature 454: E2.

Roll U (2014) Weibchen an der Macht. Bild der Wissenschaft 20. Mai.

Advertisements