Fressen oder sich paaren, das ist hier die Frage

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Von Eve Davidian

Das ultimative Ziel aller lebenden Organismen ist es, sich fortzupflanzen. Um sich aber paaren zu können, muss man erst einmal lange genug überleben – und dafür muss man (fr)essen. Je mehr desto besser? Nun ja, eine gute Ernährung macht gesund, gibt Kraft und erhöht dadurch die Chancen beim anderen Geschlecht. Aber übermäßiges und gieriges Schlemmen kann auch von Nachteil sein.

So passierte es neulich Jage, einem Männchen aus dem Ngoitokitok Clan. Er wollte alles auf einmal: eine ausgiebige Mahlzeit und den Erfolg bei einem Hyänenweibchen. Am Ende musste er am eigenen Leib erfahren, dass man sich manchmal im Leben für eine Sache entscheiden muss. Nach monatelangem Werben gewann Jage die Gunst eines jungen, hochrangigen Weibchens seines Clans: Uvumiliva, „die Geduldige“ (Suaheli), war die Auserwählte. Aber es gab einen Haken: Jage hatte kurz zuvor kräftig gefuttert und sein Bauch war so prall gefüllt, dass er hinderlich war und Jage seine lang ersehnte Chance nicht ergreifen konnte.

Man muss dafür wissen, dass die Paarung für Tüpfelhyänen-Männchen auch unter normalen Umständen ein schwieriges Unterfangen ist. Das hat anatomische Gründe. Bei den Weibchen der Tüpfelhyänen ist die Klitoris stark verlängert und zu einem engen sogenannten Pseudopenis geformt. Eine erfolgreiche Paarung erfordert deshalb die volle Kooperation des Weibchens: sie muss dabei ruhig stehen, ihren Kopf senken und den Pseupopenis einziehen. Aber auch bei der vollen Bereitschaft des Weibchens braucht das Männchen akrobatische Fähigkeiten, um erfolgreich zu sein. Die meisten Männchen benötigen viel Zeit und Übung, bis sie den Ablauf beherrschen. Männchen mit wenig Erfahrung sind meist ungeschickt und stellen die Geduld der Weibchen auf eine harte Probe.

An jenem Tag nahm Jage die Herausforderung an. Doch egal, wie sehr er hampelte und wackelte, seine riesige, vollgefressene Wampe versperrte ihm den Weg. Nach kurzer Zeit war Jage völlig erschöpft. Man stelle sich vor, man muss einen Marathon rennen und währenddessen ins Schwarze einer kleinen Zielscheibe treffen – und all dies, nachdem man sich bei der Party des besten Freundes den Bauch vollgeschlagen hat! Der Tag war heiss und Jage strengte sich sehr an. Er musste regelmäβig Pausen einlegen, um wieder zu Atem zu kommen. Uvumiliva, „die Geduldige“, war während der ganzen Zeit äusserst kooperativ. Aber würde das ausreichen?

Es war wahrlich nicht Jages bester Tag. In einem Moment der Schwäche versuchte er sogar, jemand anderen für sein Elend verantwortlich zu machen. Einer seiner Rivalen, Nyemeleo, der im Shamba Clan geboren und kürzlich in den Ngoitokitok Clan eingewandert war, beäugte das Paar bei seinen Bemühungen. Doch Nyemeleo war natürlich nicht der Grund für Jages Leid, denn er hielt sich vornehm zurück. Nyemeleos Interesse an dem Paar könnte man zwar als unehrenhaft bezeichnen. Wahrscheinlich wollte er aber einfach nur seinen durchtrainierten Körper und perfekt geformten Bauch zur Schau stellen, in der Hoffnung, dass Uvumiliva ihre Meinung ändern und ihn dem plump-pummeligen Rivalen Jage vorziehen würde. Nyemeleos Anwesenheit beeinträchtigte jedoch offensichtlich Jages Anstrengungen, sich auf sein Ziel zu konzentrieren.

Verliebte Hyänen mögen es nämlich gern diskret und ziehen sich zur Zweisamkeit lieber in abgelegene Gebiete ihres Territoriums zurück. Nach stundenlanger Beobachtung der Szene (aus rein wissenschaftlichem Interesse natürlich!) mussten wir das Trio leider verlassen. Wir drückten Jage wirklich die Daumen, hatten jedoch wenig Hoffnung, dass die Geschichte an dem Tag noch zu einem guten Ende kommen würde.

Knapp vier Monate später – der durchschnittlichen Tragzeit bei Tüpfelhyänen – waren wir gespannt auf das Ergebnis. Wir warteten aber leider vergeblich darauf, dass Uvumiliva als Ergebnis jenes anstrengenden Tages kleine schwarze Jungtiere zur Welt bringen würde. Damit war klar, dass Jages Bemühungen im wahrsten Sinne nicht gefruchtet hatten und dass auch Nyemeleo keine Gelegenheit erhalten hatte, seine Fähigkeiten als Liebhaber unter Beweis zu stellen. Wir sind jedoch zuversichtlich, dass Jage eine Lehre aus dieser unglücklichen Wendung der Ereignisse gezogen hat und sich in Zukunft zweimal überlegen wird, ob er sich den Magen wieder so voll schlägt.

Die Moral der Geschichte: Weniger (essen) ist manchmal mehr (Liebe).

Hier geht’s zum Video mit Jages Fehlversuchen:

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